Mittwoch, 2. September 2009

Die Seen im "Frau Holle Land"

Faszination Geschichte und Natur


Um einen ausgiebigen Badeurlaub zu machen, muss man sicherlich nicht zwingend die Werra- Meissner- Fulda Region aufsuchen. Obwohl, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht, Bademöglichkeiten gibt es hier auch außerhalb der gechlorten Freibäder mit jahreszeitlich unsicheren Öffnungszeiten und abseits der stark frequentierten, teils zu Badeanstalten ausgebauten und mit Campingplätzen umrahmten Bagger- Bade- und Wassersportseen bei Eschwege.

Während die heutzutage auf Bergwiesen und kleinen Feldern in den zahllosen Tälern der Region geschäftig hin- und herknatternden Traktoren und landwirtschaftlichen Maschinen und nicht zuletzt natürlich die unzähligen dörflichen Erntefeste den Eindruck vermitteln, unser nordhessisches Abenteuerland habe seit Urzeiten ergiebige Landwirtschaft betrieben, sieht die Realität sehr viel anders aus. Kaum ein emsig durch Feld, Wald und Dorf ratternder Trekkerfahrer in dieser Region, der tatsächlich von der Landwirtschaft leben kann. Und eigentlich war das schon immer so, denn die Böden der kargen Mittelgebirge galten schon im Mittelalter als nicht sonderlich fruchtbar. Und die klimatischen Verhältnisse in „Hessisch Sibirien“ sind ergiebigen Ernten nahrhaften Korns auch nicht gerade förderlich.

Malocher statt Landmänner

Tatsächlich waren das romantisch verklärte „Frau Holle Land“ und darüber hinaus weite Teile Nordhessens seit dem Mittelalter Bergbaugebiet. Und die Menschen wurden bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts nicht Müde, ihre Heimat nach Bodenschätzen wie Gips, Braunkohle, Ton, aber auch Edelmetallen und Mineralien, zu durchwühlen, Abraumhalden aufzuschütten, Basalt und Sandstein aus den Bergen zu brechen und tiefe Abbaugruben zu hinterlassen, die sich nach ihrer Stillegung mit Wasser füllten und heute den größten Teil der heimischen Seenlandschaft ausmachen.
Ja, baden kann man dort teilweise auch und die Einheimischen kennen die oft versteckten Seen und Zugangsmöglichkeiten, die Tourismusorganisationen nur bedingt. Und dem Reisenden, dem Gast, dem Besucher bleiben viele der inzwischen von der Natur zurückeroberten Perlen des „Frau Holle Landes“ schlichtweg verborgen. Die wohl bekanntesten Seen der ehemaligen Zechen und Steinbrüche sind wohl der „Kalbesee“ auf dem Hohen Meissner, der Exberg- und der Rommeröder See der ehemaligen Zeche Hirschberg. Der Exbergsee übrigens verfügt über eine gute Wasserqualität und der nebengelegene Rommeröder See ist ein beliebtes Angelgewässer.

Naturwunder und faszinierende Kulissen

Natürlich sollte man sich nichts vormachen, so viele zum Baden einladende Tage gibt es in dieser Region nun auch wieder nicht. Und trotzdem lohnt sich der Besuch solcher Seen immer. Egal, ob man sich an der faszinierenden Kulisse der Steinbruchseen, wie des „Grünen Sees“ bei Hundelshausen oder des „Roten Sees“ am Steinberg, der eine Relikt des Gipsstein-, der andere des Basaltabbaus, erfreuen, oder einfach die unbändige Lebenskraft der Natur, die in unglaublicher Vielfalt ihr Territorium zurückerobert, bewundern möchte. Und wenn es mal so richtig heiss ist und man den richtigen See gefunden hat, kann man natürlich auch baden. Aber eigentlich ist das eine, wenn auch erfreuliche Nebensache.
Bei der Frage, wo man tatsächlich baden kann, sollte man nicht unbedingt öffentlichen Quellen vertrauen. So wird beispielsweise der Grüne See bei Hundelshausen im Nordhessen- Portal noch immer als Badesee mit Umkleidekabinen, Steg und sogar einem Kiosk verkauft. Tatsächlich ist bereits vor Jahren dem damaligen Kioskbetreiber der Betrieb des Kiosks am See ersatzlos verboten worden, Kabinen oder wenigstens ein DixieKlo sucht man ebenfalls vergebens und in einer Nacht- und Nebelaktion war erst vor ein, zwei Jahren der Badesteg wegen Baufälligkeit nicht etwa repariert, sondern schlichtweg abgerissen worden.

Auf den Spuren der Montanindustrie

Es gibt viele solcher blauen Flecken auf der Karte, mitten in den Wäldern oft an den Flanken namhafter Berge, die Seen darstellen, über deren Badequalität oft nur die Einheimischen Auskunft geben können. Eine Seenwanderung auf den Spuren der nordhessischen Montanindustrie auf eigene Faust ist dabei mit Sicherheit ein echtes Abenteuer mit Expeditionscharakter.

Hintergrundinformation: Die Kohlegruben der hessischen Landgrafen
Zwischen Meissner und Sooden in Nordhessen war im 16. Jahrhundert mit der Einrichtung von landgräflichen Braunkohlezechen die kontinentaleuropäische Energierrevolution eingeleitet worden. Das war die Voraussetzung für die industrielle Revolution des 18./19. Jahrhunderts. Mehr . . .

Hintergrundinformation: Kohle in Nordhessen im 19. und 20. Jahrhundert
Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts war der nordhessische Braunkohlebergbau traditionell weitestgehend in staatlicher Hand, eine Folge des landgräflichen gewerblichen Domänenstaates, der sich bereits seit Anfang des 17. Jahrhunderts entwickelt hatte. Trotz erheblicher behördlicher Hindernisse drängten im Rahmen der industriellen Revolution mehr und mehr private Unternehmer in den nordhessischen Braunkohlebergbau. Mehr . . .

Fotos von oben nach unten: Der Kalbesee auf dem Hohen Meissner, Relikt des Braunkohlebergbaus, ganz sicher kein Badesee; Der sagenhafte Frau Holle See am Hohen Meissner, Baden verbietet sich dort von selbst; Ehemaliger Basaltsteinbruch hoch über Eiterhagen, hier wird gebadet; Der Exbergsee, gute Wasserqualität, ökologisch hochinteressantes Umfeld, ein Badeverbot hatte sich hier nie durchgesetzt; Der Hellkopfsee der ehemaligen Zeche Glimmerode, zahllose Schilder, die den Zutritt verwehren, trotzdem wird hier gebadet, es gibt sogar einen Sandstrand, der über geheime Wege zu erreichen ist, Wasserqualität umstritten.