Die Katzen der Totenkirche von Abterode



Es ist bekannt, dass die christlichen Missionare ihre Kapellen und Klöster gerne über heidnischen Kultstätten errichteten, um die Überlegenheit ihres Gottes zu demonstrieren und die Macht der alten Götter zu brechen. Es gibt jedoch Regionen, wo dies nicht gelang. Der Hohe Meißner, der Sitz der wilden Holl, ist ein Beispiel dafür. Die Hollsteine, das Höllental, der Holle-See oder der Hellkopf und ihre Sagen legen Zeugnis davon ab, wie präsent die alte Göttin des Berges für die Bewohner immer war. Uns so ist es kein Zufall, dass die Brüder Grimm bei ihren Besuchen auf dem Gut Glimmerode auch Ausflüge zu den sagenhaften Orten des Meißners unternahmen. So schreibt Wilhelm Grimm in seinen Aufzeichnungen am 22. Juli 1821: „Um neun Uhr auf einem Leiterwagen nach dem Meißner...wir besahen dort vor dem Essen einen Stollen und einen Wasserfall... Nachmittag zwischen prächtigen Buchen zu dem Frau Hollenteich, der jedes Jahr kleiner wird, dann die Kalbe hinauf.“
Ob die Grimms auch die Klosterkirche in Abterode und den nahegelegenen Todstein – eine heidnische Kultstätte, wie es heißt  -  besucht haben, ist nicht bekannt. Wer die in der Bevölkerung als Totenkirche bezeichnete Ruine heute besucht, kann  sich ihrer Faszination jedenfalls nicht entziehen. und sie stellt, wenn man der Geschichte, die ich hier erzähle, Glauben schenken darf, ein weiteres Beispiel dafür dar, dass die Macht der wilden Holl nicht unterschätzt werden sollte.

Als Bonifatius auf seiner Missionstour einst zu dem Hügel beim heutigen Ort Abterode kam, da fand er mit der großen Linde und dem nahegelegenen Tod- oder Bärenstein eine heidnische Kultstätte vor. Es heißt, im Innern des Hügels hausten die wilden Katzen der alten Holl. Jedes Jahr in den Raunächten spannte sie die vor ihren Wagen und führte die Wilde Jagd tosend über Berg und Täler, so dass den Leuten Hören und  Sehen verging. Für Bonifatius war der Fall klar, das übliche Programm sollte reichen, schließlich war er der Verkörperung der germanischen Göttin Freya nicht das erste Mal begegnet. Zuerst also die flammende Rede gegen falsche Götter und Aberglaube, dann das Umnieten der alten Linde ein paar Tropfen Weihwasser und schließlich die Errichtung einer hölzernen Kapelle.
Als der gewalttätige Missionar nach seiner Rede zur Axt greifen wollte, ertönte direkt unter ihm aus dem Hügel ein vielstimmiges Kreischen, wie von riesigen Katzen. Ein frostiger Windzug ließ seine  Hände erstarren, so dass er die Axt nicht packen konnte. Wütend drehte sich der kriegerische Gottesmann um und befahl seinen Begleitern, auf dem Hügel eine Kapelle zu errichten, um die heidnische Zauberkraft zu bannen. Um die Linde würde er sich später kümmern. Aber schon in den folgenden Raunächten, als die wilden Katzen aus dem Hügel hervorbrachen, um vor dem Wagen der mächtigen Holle wie ein Sturmwind über die Lande zu fegen, war es um die Kapelle geschehen.
Jahre später bauten die Benediktiner auf Anordnung des Bischofs von Fulda ein Kloster über dem Hügel mit einer mächtigen Steinkirche im Schatten der großen alten Linde. tatsächlich schien damit die Macht der wilden Holl gebrochen. Die schrecklichen Katzen waren aus dem Hügel verschwunden und die wehrhaften Gemäuer der Klosterkirche hielten auch den wütendsten Attacken der wilden Jagd stand.
Dennoch blieb der Hügel ein unheimlicher Ort. Bald verlor die Abtei ihre Bedeutung, und schließlich, im Zuge der Reformation wurde aus dem klösterlichen Gotteshaus eine Pfarr- und Begräbniskirche, die Abteröder Totenkirche. Gerne hielt man sich nicht in dem Gotteshaus auf, mit dem merkwürdigen viereckigen Chor am Ende des Kirchenschiffs. Wer diesen Anbau errichtet hat weiß niemand, ebensowenig wann und auf wessen Anweisung. Manche munkeln, der Chor sei von Zwergen auf Geheiß der alten Holle über einer Krypta errichtet worden, die zum Schutze eines dort versteckten Schatzes weiße Zauberkatzen mit roten Ohren beherberge. Komme jemand dem verborgenen Eingang der Krypta zu nahe, so erscheine ihm eine der weißen Katzen und nur wenige Tage später müsse der vorwitzige Schatzsucher sterben. Das, so glauben die Leute, sei der eigentliche Ursprung der  Bezeichnung Totenkirche.

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