Donnerstag, 24. Mai 2012

Life!: Von der Sprengstoffabrik zum Industriegebiet

Die Holle-Frauen laden ein zur öffentlichen Themenwanderung

am 17. Juni 2012 um 11:00. Treffpunkt Hirschhagen (Hessisch-Lichtenau): Altes Wachhaus, Dieselstraße
geführte Wanderung auf dem Themenweg in Hirschhagen

Von einer der größten Sprengstofffabriken des Dritten Reiches zum Industriegebiet.

Dauer: ca. 2 Stunden

Anschließend besteht die Möglichkeit eines gemeinsamen Mittagessens in der Gaststätte „Zum Rohrbachtal“ in Hirschhagen
Näheres zur Wanderung auf Facebook

Zum Thema von Wolfgang Schwerdt:
Es war die zweitgrößte Sprengstoff- und Munitionsfabrik des Dritten Reiches, die im Schutz der hessischen Wälder bei Hessisch Lichtenau gebaut und betrieben wurde.


Gebäude zur Säureverarbeitung
Gebäude zur Säureverarbeitung. Foto Wolfgang Schwerdt
Wer heute durch Hirschhagen, das Gewerbegebiet Hessisch Lichtenaus, wandert, sieht sich mit einer Umgebung konfrontiert, die mit dem Begriff „merkwürdig“ im übertragenen und wörtlichen Sinne wohl am Treffendsten beschrieben ist. Zwischen modernen Fabrikhallen, und nur auf den ersten Blick modernen Produktionsstätten und Häusern finden sich gewaltige Ruinen aus einer sichtbar finsteren Zeit. Als wäre dies nicht ungewöhnlich genug, lädt das dicht bewaldete Gewerbegebiet mit den zahlreichen gut ausgebauten Wegen auch noch zum Wandern in der Natur ein. Eine Waldwanderung zwischen prächtigem und vielfältigem Pionierbewuchs, mächtigen kaum überwucherten Explosionskratern und Betonruinen. Immer wieder tauchen unvermittelt noch mit Andreaskreuzen versehene Bahnübergänge der völlig zugewachsenen „Kanonenbahn“ auf.

TNT aus Friedland

Als 1935 in der abgelegenen und weitgehend unbewohnten Region um Hessisch Lichtenau, im Forst Hirschhagen mit Wege- Straßen- und Schienenbau begonnen wurde, da waren dies ebenso wie die Neuordnung der Wasserversorgung im Rahmen von „Programmen für Arbeitslose“ die Erschließungsarbeiten für den geheimen Aufbau einer der gigantischsten Produktionsstätten für Sprengstoff- und Munition des Dritten Reiches. Unter dem Tarnnamen „Friedland“ wurden hier ab 1936 auf einer Fläche von 233 Hektar 399 Werksgebäude zwei Kraftwerke und nicht zuletzt rund 17 Kilometer Gleisanlagen gebaut. Allein die Bautätigkeit ging ununterbrochen bis März 1945. Bis zu 2000 Bauarbeiter und mehr als 1000 Arbeitsdienstmänner bauten ständig neue Anlagen und reparierten Explosionsschäden. Schließlich waren die Herstellung von TNT (Trinitrotoluol) und Pikrin (Trinitrophenol) hochkomplexe und gefährliches Verfahren.

Sprengstofffabrik Hirschhagen

1938 wurde mit der Produktion des TNT begonnen. Dabei kamen nicht nur die Chemikalien Schwefelsäure, Toluol, Nitriersäure, Natriumsulfit und Bicarbonat zum Einsatz, für eine Tonne TNT wurden auch 130 Kilowattstunden Strom, 110 Kubikmeter Wasser und 4 Tonnen Dampf benötigt. In drei Schritten wurde das Toluol jeweils in unterschiedlichen Gebäuden nitriert, bis aus dem flüssigen Toluol über das Mononitrotoluol und das Binitrotoluol das im kalten Zustand feste TNT wurde. Nach jedem Nitriervorgang musste das Produkt sorgfältig mit Hilfe von Natriumsulfit- und Bicarbonatlösungen – selbstverständlich wieder in separaten Spezialgebäuden -  gewaschen werden. Gebäude für die Lagerung der Zwischenprodukte, für die Trocknung, Granulierung Lagerung und Versand des Endproduktes waren erforderlich. Ähnlich gestaltete sich die Situation bei der Herstellung der anderen Produkte und schließlich das Abfüllen des Sprengstoffes in Minen, Granaten und Bomben. 1942/43 hatte das Werk schließlich eine Produktionskapazität von etwa 80 Tonnen TNT pro Tag erreicht

Zwangsarbeiter und KZ- Häftlinge „kochen“ Sprengstoff für Deutschland

Es war natürlich nicht die Sorge um Leben und Gesundheit der zwangsverpflichteten Arbeitskräfte oder der Juden aus dem KZ Buchenwald, die hier in großer Zahl zum Einsatz kamen. Wegen der möglichen Produktionsausfälle durch Explosionen wurde die Herstellung der Sprengstoffe auf viele kleine, weit im Gelände verstreute Gebäude verteilt. Damit entstand am Ende die unglaubliche Zahl von 399 Häusern.
Die Minimierung von Unfallbedingten Produktionsausfällen und Tarnung waren Leitmotiv der Anlagenkonzeption. So waren die Gebäude mit Ausnahme der mehrgeschossigen Säurespaltanlagen, die der Rückgewinnung der immer knapper werdenden Rohmaterialien dienten, in der Regel eingeschossig und mit flachen, an den Rändern ausgefransten und mit Sträuchern und Bäumen bepflanzten Dächern versehen. Um Explosionsschäden so gering wie möglich zu halten, bestanden die Produktionshallen aus Stahlbetongerüsten, deren Wände mit leichtem Bimsstein ausgemauert waren, die den Explosionsdruck durch Herausfliegen abbauen sollten. Lagerbunker beispielsweise, die besonders explosionsgefährdet waren, wurden entweder in die Erde eingegraben oder mit hohen Erdwällen umgeben. All das ist noch heute ebenso zu sehen, wie beispielsweise der große Kühlwasserteich, der nur für Mitglieder des örtlichen Anglervereins zugänglich ist oder das 500 Kubikmeter fassende Wasserreservoir auf der Spitze des nahegelegenen 522 Meter hohen Rohrbergs.

Gewerbegebiet Hirschhagen

Die logistischen Herausforderungen einer solchen Anlage waren enorm und wurden letztendlich nicht nur durch interessante technische Lösungen, sondern vor allem auch durch den menschenverachtenden Einsatz der Arbeitskräfte und die rücksichtslose Umweltbelastung, deren Folgen noch immer nicht vollständig beseitigt sind, bewältigt.
Nachdem das Werk nach dem Krieg von den Alliierten demontiert worden war, richteten sich nahezu übergangslos viele kleine Firmen in den Gebäuden der damals nahezu intakten ehemaligen Sprengstofffabrik ein. Heute kann man im Gewerbegebiet Hirschhagen nicht nur an vielen Werkhallen, sondern auch an Wohn- und anderen Nutzgebäuden die mehr oder weniger aufwändig überputzten oder verkleideten Grundelemente der alten Betonrahmenbauten erkennen.

Mehr zu diesem Thema und noch viel mehr zu Ausflugszielen und mehr in der nordhessisch- südniedersächsischen Region finden Sie im Buch


In diesem Buch werden nach und nach verschiedene Aspekte des Abenteuerlandes Werra- Meissner vorgestellt, um zu zeigen, dass diese Region eigentlich zu Unrecht touristisches Entwicklungsland ist. Hier findet man Natur, Kultur, Geschichte im Überfluss und man darf das meiste davon im Gegensatz zu anderen gut erschlossenen und touristisch hervorragend durchorganisierten Regionen, noch selbst entdecken. Dazu sagen meine Leser:
 
“Der Autor versteht es hervorragend, einen weitgehend unbekannten Landstrich Deutschlands breit gefächert zu präsentieren. Von den Römern übers Mittelalter, die Neuzeit, die industrielle Entwicklung bis zum Heute spannt er seinen Bogen, der kurzweiliger nicht sein könnte.” Stefan Bacher

“Die Aspekte des Abenteuerlandes Werra- Meissner – wie der Autor sie hier darstellt – machen Lust auf ein Wochenende in der Provinz – dort, wo die Uhren anders gehen, man vor dem Touristen nicht buckelt und es sagenumwobene Orte gibt.” Gernleserin

“Es geht um Typisches und um Wissenswertes, wobei das Wort “wert” sehr wichtig ist: So vieles ist es wert, entdeckt zu werden. Egal, ob es nun um Wanderrouten geht, um die Person der Sophie Henschel, um die”richtig anspruchsvollen selbstgemachten” kulturellen Attraktionen der Region, um entdeckenswerte Alte Haustierrassen (die nicht nur in Witzenhausen oder Laudenbach seltene Schnappschüsse ermöglichen), oder um ein Plädoyer für Herbstwanderungen… Nichts wird über das andere gestellt.
Persönlichkeiten und ihre Hintergründe, Architektur, Geschichte. Nichts scheint zu kurz zu kommen, alles ist untrennbar miteinander verwoben. Nicht zuletzt wird das Augenmerk gelenkt auf jene landschaftlichen Schönheiten, die der Gast eben nur mit Hilfe von Insider-Tipps finden kann. Und genau das ist es ja, was dieses Kindle bietet: Die nötigen Insider-Tips, damit man ja nichts verpasst von einer Region, die durch sagenumwobene Landschaften genauso geprägt wird wie durch eine turbulente Vergangenheit. Und von der erzählen noch viele eindrucksvolle Überbleibsel.” Philippe Rivoir

Samstag, 4. Februar 2012

"Heute hier, morgen dort"

 Treffen in Kassel: Hannes Wader hat große Pläne


04.02.2012: Pünktlich rollt ICE 597 zur Mittagsstunde in Kassel-Wilhelmshöhe ein. Wie ein Fels in der Brandung steht Liedermacher Hannes Wader bei 15 Minusgraden in der Bahnhofshalle, um seine Berliner Freunde zu begrüßen. Eine herzliche Umarmung, dann geht es zum gemeinsamen Essen. Einen gemischten Salat, eine Consommé und ein noch blutiges 300-Gramm-Rib-Eye-Steak mit sechs Stück Kräuterbutter verzehrt der Mann in Schwarz und rundet die Mahlzeit mit einem doppelten Espresso. Mehr als vier Stunden dauert das frugale Mahl, das in einem Café in der Innenstadt von Kassel endet. Draußen rieselt der Schnee, und die Zeit vergeht wie im Fluge, wenn der deutsche Johnny Cash von seinen nächsten Plänen erzählt.

Montag, 30. Januar 2012

Galgen, Rad und Scheiterhaufen - Einblicke in Orte des Grauens

Eine Ausstellung des Neanderthal-Museums Mettmann in Kooperation mit dem Museum für Sepulkralkultur, vom 28. Januar bis 28. Mai 2012


(Presseinfo) Galgen, Rad, Scheiterhaufen – drei Wörter, die unsere Vorstellungen von der Grausamkeit mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Justiz anregen. Was aber wissen wir heute tatsächlich von jenen Richtstätten? Und was wissen wir von den Prozessen, den Verurteilten oder den Vollstreckern?


Wovon heute nur noch Flur- und Straßennamen zeugen – „Im Galgenfeld“, „Auf dem Richtsberg“ etc. -, das will die Ausstellung genauer unter die Lupe nehmen. Sie thematisiert die einstige topografische Lage von Richtstätten und gewährt mittels zahlreicher Exponate, darunter seinerzeit typische Strafutensilien (Fesseln, Schandmasken etc.) sowie Hinrichtungsbauten und -waffen (Galgen, Richtschwerter etc.), Einblicke in ein düsteres Kapitel des europäischen Rechtswesens.

Gezeigt werden außerdem archäologisch untersuchte Skelettreste, die Auskunft über die Straf- und Rechtspraxis früherer Zeiten geben und Einzelschicksale beleuchten. Mit dabei sind auch das mutmaßliche Skelett des bekannten Räuberhauptmannes „Schinderhannes“ und seines Kompagnons, des „Schwarzen Jonas“.
Von den frühesten Hinweisen auf Todesstrafe und Hinrichtungsstätten – etwa am Beispiel des im Moor gefundenen „Tollund-Mannes“ (um 350 v. Chr.) - über solche in Früher Neuzeit schlägt die Ausstellung einen chronologischen Bogen bis in die Moderne.

Obwohl mit der Aufklärung das Recht, über das Leben eines Menschen zu richten, zunehmend in Frage gestellt wurde, war die Todesstrafe erst nach dem Zweiten Weltkrieg, zumindest in Europa, größtenteils abgeschafft. Dass sie in vielen Ländern der Welt jedoch noch immer legal ist, greift die Ausstellung ebenfalls auf. Ein regionaler Bezug zu Hessen und Kassel wird durch weitere Exponate und Kartenmaterial hergestellt. Zahlreichen Veranstaltungen wie Lesungen, Vorträge, Führungen und Stadt-Spaziergänge – unter anderem zu hiesigen „Orten des Grauens“ - begleiten die Ausstellung.
Zur Ausstellung erscheint ein Begleitbuch

Museum für Sepulkralkultur, Weinbergstraße 25-27, 34117 Kassel

Fotos von oben nach unten:
Henkersmaske 18. Jahrhundert © Mittelalterliches Kriminalmuseum, Rothenburg o. d. Tauber 2012Scheiterhaufen Rekonstruktion © Neanderthal-Museum, Mettmann 2012
Hinrichtung der Verbrecherin Christina Bickenbach 1844 © Stadtarchiv Heidelberg 2012