Donnerstag, 19. Januar 2012

1712 Letzter Vortrag Denis Papins in der Royal Society

1712 ist das vermutliches Todesjahr des vielseitigen Naturforschers und Erfinders

 

Die letzten Lebenszeichen Denis Papins, des Erfinders der rund 20 Jahre (1687-1707) im Dienste des Landgrafen Carl von Hessen stand, finden sich 1712. Dazu gehören sein letzter Vortrag in der Royal Society, ein Brief an den Sekretär der Society, Hans Sloane und der Eintrag des Schatzmeisters der Royal Society über eine Auszahlung von 10 Pfund an Papin.

Papins Forschungsgebiet war vor allem die Pneumatik. Der 1647 in Blois geborene Hugenotte arbeitete nach seinem Medizinstudium 1671 an der französischen königlichen Wissenschaftsakademie, 1675 wechselte er an die Royal Society in London, besuchte 1681 die philosophische und mathematische Akademie in Venedig, kehrte 1684 nach London zurück, um schließlich 1688 dem Ruf der Hessischen Landgrafschaft zu folgen, und hier in Marburg, vor allem aber in Kassel wissenschaftlich zu wirken. Papin war wissenschaftshistorisch gesehen nicht mehr der Sammler und in erster Linie Theoretiker, sondern er versuchte bereits wie ein Ingenieur seine naturwissenschaftlichen Erkenntnisse in technische Innovationen umzusetzen.

Pumpen für Wirtschaft und Wasserspiele

Grundsätzlich war die Zeit hierfür nicht schlecht. Die europäischen Königs- und Fürstenhöfe absolutistischer und merkantilistischer Natur wetteiferten einerseits um Prestige, andererseits um die Entwicklung technischer Hilfsmittel zur Förderung der Wirtschaftskraft des jeweiligen Landes. Fürsten und Könige hielten sich hochqualifizierte Hofwissenschaftler, später richteten sie wissenschaftliche Akademien ein. Ein Schwerpunkt des fürstlichen Interesses, auch der hessischen Landgrafschaft, war die Montanindustrie im ökonomischen Sektor und die Errichtung möglichst eindrucksvoller Wasserspiele und Fontänen in den repräsentativen Gartenanlagen der Residenzen. Papin, Vater des Dampfkochtopfes

Vom Dampfkochtopf zum U-Boot

Kein Wunder, dass die Pneumatik und die Hydraulik europaweit ein zentraler Forschungsschwerpunkt gewesen war, konnte man doch durch Nutzung der Gesetzmäßigkeiten des Luftdrucks diverse Förderinstrumente wie beispielsweise Pumpen bauen. Und so ist es kein Zufall, dass der vielseitige Papin der Vater der sogenannten „Hessenpumpe“, einer Zentrifugalpumpe ist, der zu ihrer Nutzung als Wasserförderpumpe allerdings ein geeigneter Antriebsmotor fehlte. Immerhin, außerordentlich erfolgreich hatte sich die Hessenpumpe als Luftgebläse zur Bewetterung von Bergwerken erwiesen. Der Dampfkochtopf, die atmosphärische Dampfmaschine beziehungsweise Hochdruckdampfpumpe, Unterseeboote, oder die Schießpulvermaschine, waren Projekte oder Erfindungen die Papin entwickelt oder an denen er maßgeblich mitgearbeitet hatte. Das Dampfboot hingegen ist Legende.

Nordhessen: erlebbare Wirtschafts- und Wissenschaftsgeschichte

Papin ist nur einer der namhaften Wissenschaftler, die im Dienste der hessischen Landgrafen standen und Teil der internationalen Wissenschaftsgemeinde ihrer jeweiligen Zeit waren. Heute sind viele von ihnen in Vergessenheit geraten und auch ihre Erfindungen und Wirkung. Auf Expeditionen durch das Land der wilden Holl, der Region durch die Fulda und Werra fließen, deren Zentrum die vor allem wegen der Documenta bekannte Stadt Kassel bildet, lassen sich neben den faszinierenden Naturlandschaften auch zahlreiche Spuren wissenschaftlich-technisch-industrieller Vergangenheit und ihrer Protagonisten erfahren. Das Buch „Durch das Land der wilden Holl“ will für solche modernen touristischen „Forschungsreisen“ in die Natur- und Vergangenheit eines kulturgeschichtlich in vielerlei Hinsicht unterschätzten Teils Nordhessens konkrete Hintergrundinformationen und Anhaltspunkte vermitteln, neugierig machen. Vieles dessen, was man in „Durch das Land der wilden Holl“ entdecken kann, sucht man in den Prospekten der Tourismusinformationen vor Ort vergeblich.

Zu den Fotos: Der Brunnen mit der Skulptur zu Ehren Denis Papins vor dem Ottoneum, dem 1606 als erstes feststehendes Theater Deutschlands gebauten heutigen Naturkundemuseum in Kassel. Das Ottoneum, das seit 1696 die landgräfliche Kunst- und Naturaliensammlung aus dem Marstall beherbergt, wurde 1709 zum Teil des Collegium Carolinum. Das Collegium Carolinum wird unter Landgraf Friedrich II. zu einer Art Hochschule. Zu den bedeutendsten Professoren am Carolinum gehören der Forschungsreisende Georg Forster und Samuel Thomas von Soemmering. (Fotos: Wolfgang Schwerdt)

Samstag, 14. Januar 2012

Entdeckungsreisen in die Geschichte

eine kulturgeschichtliche Artikelserie von Wolfgang Schwerdt


Es sind meist einzelne Ereignisse in der Geschichte, die Anlass dazu geben, kulturgeschichtliche Hintergründe und Zusammenhänge zu erforschen. Mit der neuen Serie, in der Wolfgang Schwerdt in unregelmäßigen Abständen Ereignisse aus Jahren mit der 12 vorstellt, möchte er dem Leser die Vertiefung des jeweiligen Themas schmackhaft machen.

Die Auswahl der Zahl zwölf bietet sich natürlich aufgrund des aktuellen Jahres, in dem diese Serie entstand, an. Weitaus wichtiger aber als eine "Jubiläumsserie" ist Schwerdt aber die Tatsache, dass die Festlegung auf Ereignisse, die in Jahren mit der 12 stattfanden, einerseits eine gewisse thematische Zufälligkeit garantiert. Andrerseits - und das ist vielleicht der wichtigste Aspekt - erhalten dadurch auch nicht bekannte, weil auf den ersten Blick vielleicht nicht sonderlich spektakuläre Ereignisse, eine Chance, aufgegriffen und vertieft zu werden. Dass sich dabei oft völlig unerwartet für die meisten Leser ganze unbekannte neue Welten eröffnen können, zeigt der Beitrag zum Jahr 712, als dem japanischen Hof das Kojiki, vorgelegt wurde.
Geschichte als Entdeckungsreise, das ist das Ziel, das Wolfgang Schwerdt mit seiner neuen Serie "Spotlights der Geschichte" verfolgt.
Die bislang erschienenen Beiträge können durch einen Klick auf das nebenstehende "Poster" aufgerufen werden.

Samstag, 7. Januar 2012

Franz Rosenzweig, eine Biografie


Ein Stück deutsch-jüdische Geschichte präsentiert das Buch über den Religionsphilosophen aus Kassel, Franz Rosenzweig, dessen Leben nicht nur von der Auseinandersetzung mit Religion und Kultur des Juden- und Christentums, sondern auch von seiner schweren Krankheit und nicht zuletzt den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen am Vorabend der nationalsozialistischen Machtergreifung geprägt war.

Noch Mitte der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts war Franz Rosenzweig, dessen Wirken in Kassel sich damals vor allem in Ortsnamen und einem Gedenkstein ausdrückte, in der Fachwelt kaum bekannt. Die Autorin Eva Schulz-Jander formuliert das in ihrem Aufsatz „Rosenzweigs Fortwirken in Kassel“ in Zusammenhang mit ihrem Umzug nach Kassel im Jahr 1976 folgendermaßen: „Rosenzweig begegnete mir nicht im Text, sondern im Stein.“ Schulz-Jander meint damit den Gedenkstein mit der Aufschrift: „Rosenzweig-Anlage, benannt nach dem Religionsphilosophen Franz Rosenzweig, geboren in Kassel am 25.12.1886, gestorben in Frankfurt am Main am 10.12.1929.“
Mit dem Veranstaltungsprogramm zum 100. Geburtstag, vor allem aber dem 1. Internationalen Rosenzweig-Kongress in Kassel, begann sich das zu ändern und inzwischen ist nicht nur das hier vorgestellte Buch über das Leben und Wirken Rosenzweigs entstanden, 2012 wird in Toronto auch der inzwischen 6. Internationale Rosenzweig-Kongress stattfinden.

Rosenzweigs Entscheidung “Ich bleibe also Jude“


Franz Rosenzweig war Sohn assimilierter jüdischer Industrieller. Rosenzweig zeigte sich vielseitig interessiert und studierte an verschiedenen Orten Deutschlands Medizin, Geschichte und Philosophie. Nach intensiven Auseinandersetzungen mit der politischen Philosophie und dem religiösen Selbstverständnis christlicher, jüdischer und zum Christentum konvertierter jüdischer Freunde, entscheidet Rosenstock im Oktober 1913 „ich bleibe also Jude“. Bei dieser Aussage handelte es sich weniger um ein Glaubensbekenntnis, sondern vielmehr um die Entscheidung für eine religionsphilosophisch begründete praktizierte jüdische Kultur. Auch wenn die wissenschaftlichen Arbeiten Rosenzweigs wie „Das älteste Systemprogramm  des Idealismus“ (1917), „Zeit ists“ (1917), „Der Stern der Erlösung“ und „Hegel und der Staat“ (1919) naturgemäß in erster Linie philosophische Auseinandersetzungen waren, stellte sich Rosenzweig immer auch der Herausforderung, seine Erkenntnisse praktisch zu leben und zu vermitteln.

Rosenzweigs gelebte Philosophie

Diese praktisch gelebte Philosophie gestaltete sich sehr vielschichtig. Da ist die einvernehmliche Dreierbeziehung zwischen Rosenzweig, seinem Freund Rosenstock und seiner Frau, seine streitbare und dennoch bedingungslose Dialogbereitschaft und nicht zuletzt die Gründung des Freien jüdischen Lehrhauses. Freier Zugang zur Bildung, gemeinsam gelebtes Lernen, die Einheit von Lehre und Lernen, hier entstanden Grundgedanken und Lehrmethoden, wie sie noch heute in der modernen Erwachsenenbildung Geltung haben. Kein Zufall also, dass der Rosenzweig-Gedenkstein in der Parkanlage vor der Kasseler Volkshochschule aufgestellt ist. Die Tatsache, dass Rosenzweig seine schwere Krankheit, die Amyotrophe Lateralsklerose, eine zum Tode führende totale Lähmungserkrankung, nicht als Leiden betrachtete, obwohl er am Ende nicht mehr sprechen und schreiben sondern seine Briefe Buchstabe für Buchstabe nur noch mit den Augen diktieren konnte, zeigt welche Bedeutung er Wort und Verstand als Grundlage seines Lebens beimaß.

Rosenzweigs Vermächtnis

Keine Frage, Werk und Leben Rosenzweigs sind hervorragend geeignet,  jüdische Kultur auch religionsunabhängig in seinen wesentlichen Facetten und Spielarten zu begreifen. Sie sind geeignet, das deutsch-jüdische Verständnis und den christlich-jüdischen Dialog zu fördern. Sie sind geeignet, sich der durch die Nazizeit weitgehend zerstörten deutsch-jüdischen Kultur als eine Grundlage des so oft undifferenziert bemühten christlich-abendländischen Selbstverständnisses zu erinnern und sie sind geeignet, in unserer heutigen Gesellschaft eine intelligente Streitkultur mit (nicht nur auf Religion beschränkte) Toleranz zu entwickeln, die einer Demokratie würdig ist.

„Franz Rosenzweig“ ein Buch mit Schwächen


Toleranz und eine gewisse Leidensfähigkeit ist aber leider auch erforderlich, wenn ein am Thema zwar interessierter und mit einer gewissen Vorbildung ausgestatteter aber nicht unbedingt im philosophischen Verbalgeschwurbel geübter Leser sich der Lektüre dieses Buches annimmt. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: das Buch „Franz Rosenzweig, Religionsphilosoph aus Kassel“ ist ein wichtiges, längst überfälliges und für alle wissenschaftlichen Philosophen und Religionsphilosophen unbedingt empfehlenswertes Überblickswerk. Und eine ganze Reihe der Aufsätze sind sprachlich auch dem interessierten Laien und Historiker gut zugänglich.
Wenn aber nahezu jeder der 12 Autoren seinem Aufsatz noch einmal die Kurzbiografie Rosenzweigs und einen Kurzüberblick über dessen Schaffen voranstellt, statt einfach auf die Aufsätze seiner Coautoren Bezug zu nehmen, dann wirkt das ermüdend. Und wenn gerade in den Aufsätzen über die einzelnen Aspekte von Rosenzweigs philosophischem Werk statt einer allgemeinverständlichen Vermittlung  der jeweils zentralen Gedanken vor allem indirekte Zitate abstrakten philosophischen „Fachchinesischs“ den Hauptteil einzelner Texte ausmachen, dann ist die Chance zunächst einmal vertan, ein breiteres Publikum mit den so wichtigen Themen des Buches zu erreichen.

„Franz Rosenzweig“ ein Buch mit Stärken

Glücklicherweise beinhaltet das Buch auch andere Kapitel, die dem interessierten Laien deutlich zugänglicher sind. Etwa wenn es um die gesellschaftliche Stellung der Juden in jener Zeit, die Geschichte der Rosenzweig-Familie oder die Probleme der Integration aus dem „Osten“ zugewanderter Juden geht. Auch die Ausführungen Micha Brumliks zum vielschichtigen Selbstverständnis des jüdischen Volkes in „Jüdische Erwählung, Jüdisches Volk“  und erst recht natürlich Eva Schulz-Janders „Rosenzweigs Fortwirken in Kassel“ lassen sich auch für Leser, die keine Berufsphilosophen sind, gut verstehen. Die tabellarischen Lebensdaten von Franz Rosenzweig im Anhang hätten - den Aufsätzen vorangestellt - viele Wiederholungen vermeiden helfen. Die in den Buchdeckeln abgedruckten historischen Pläne von Kassel mit den eingezeichneten Wohnstätten und dem Hausbesitz jüdischer Einwohner fordert den Leser schließlich – sicherlich ganz im Sinne von Rosenzweigs Bildungsphilosophie – zu einer Stadtbesichtigung der besonderen Art auf.
Insgesamt sicherlich ein schwieriges Buch, dass aber dennoch viel zu wichtig ist, um es nicht zu empfehlen.
Eva Schulz-Jander, Wolfdietrich Schmied-Kowarzik (Hg.): Franz Rosenzweig. Religionsphilosoph aus Kassel. euregioverlag 2011. Gebunden, 140 Seiten. ISBN 978-3-933617-47-7