Freitag, 7. Juli 2017

Fluchtpunkt Friedland

Begleitband zur Ausstellung im Museum Friedland

Im März 2016 wurde das Museum Friedland eröffnet das seitdem seine erste Dauerausstellung Fluchtpunkt Friedland. Über das Grenzdurchgangslager, 1945 bis heute präsentiert. 2017 ist der Begleitband zur Ausstellung erschienen, ein Buch, das nicht nur die Inhalte, sondern auch das Konzept der Ausstellung und des Museums selbst vorstellt. Dabei erfährt der Leser Erstaunliches, Brisantes und Denkwürdiges über gut 70 Jahre Lager- und Nachkriegsgeschichte der Einrichtung, die bis heute in der öffentlichen Wahrnehmung als „Tor zur Freiheit“ begriffen und mit entlassenen sowjetischen Kriegsgefangenen, Aussiedlern, Spätaussiedlern, oder DDR-Flüchtlingen in Verbindung gebracht wird und doch so viel mehr war und ist.


Das Museum entstand aufgrund eines Beschlusses des niedersächsischen Landtags im Jahre 2006, als der Fortbestand des Lagers wegen geringer Auslastung zur Disposition stand. Das Museum sollte dazu dienen, „die historische Bedeutung des Grenzdurchgangslagers Friedland angemessen zu würdigen“. Doch das ehemalige Grenzdurchgangslager hat mit der sogenannten Flüchtlingskrise seit 2011 eine neue Bedeutung gewonnen. Ein Aspekt, der das Museum vor ganz neue Herausforderungen stellte aber auch die Chance bietet, seine Aufgabe neu und zeitgemäß zu definieren. Und so ist das Museum nicht nur Erinnerungsstätte sondern vor allem zu einem Ort der Auseinandersetzung mit dem Thema Migration geworden, die auf die Nachkriegszeit, den kalten Krieg und dessen Ende einschließlich der ideologischen Hintergründe, den daraus resultierenden öffentlichen und politischen Unterscheidungen in „gute“ und „schlechte“ Flüchtlinge zurückblickt und gleichzeitig die gegenwärtigen Entwicklungen betrachtet.

Abschied, Ankunft, Neubeginn, Fluchtpunkte und Perspektiven

Das Museum liegt in direkter Nähe des Lagers, das seit seiner Errichtung insgesamt mehr als 4 Millionen Migranten beherbergt, betreut, verwaltet, weitergeleitet hat. Und so nutzen die Museumsleute auch die Möglichkeit, die Geschichte und Entwicklung nicht nur anhand von Dokumenten zu zeigen, sondern dies auch interaktiv mit den Migranten zu präsentieren. Fotostrecken des Lageralltags, Interviews, persönliche Schicksale und Empfindungen geben dem Thema Flüchtling, Migration ein Gesicht. Den Kuratoren geht es um unterschiedliche Perspektiven, um Hinterfragen, um einen „kritischen und differenzierten Blick auf Geschichte und Gegenwart  von Migration in der Bundesrepublik“. Und auch, wenn das Kuratorendeutsch an der einen oder anderen Stelle vor allem bei der Erklärung der Konzeption der einzelnen Ausstellungräume gelegentlich ein wenig nervt, wird bei der Lektüre und Betrachtung der zahlreichen Illustrationen schnell klar, dass ein Besuch im Museum eine spannende und nicht nur informativ sondern auch emotional erfahrbare Reise in Geschichte und Gegenwart darstellt.

Rückkehrer, Aussiedler und Flüchtlinge

Auch das Buch folgt einem ungewöhnlichen Konzept. Essays und Bilderstrecken, Zitate und ein Friedländer Kalendarium am Seitenrand, der sich durch das ganze Buch zieht, bilden ein multiperspektivisches Geflecht. Und am Ende wird klar: Dieses Museum wird wohl noch sehr lange Zeit in ständiger Bewegung sein (müssen), neue Themen aufgreifen, Projekte initiieren, Auseinandersetzungen führen, Forschen. Denn aktueller Schwerpunkt von Ausstellung und Buch Ausstellung ist naturgemäß die Vergangenheit. Da stellt Katrin Piper die gesellschaftlichen Debatten um die Zuwanderung aus der sowjetischen Besatzungszone und das Jugendauffanglager Friedland, 1947 – 1951 vor, analysiert Johanna Wensch die Berichterstattung bundesdeutscher Zeitungen über die Ankunft der letzten Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion in Friedland 1955/56, schildert Birga Meyer die Aufnahme von AussiedlerInnen im Grenzdurchgangslager Friedland von den 1950er bis 1970er Jahren oder klärt Lorraine Buche über die Unterbringung und Bewertung ausländischer geflüchteter (Chile, Vietnam etc.) in den 1970er und 1980er Jahren. All diese Essays sind gespickt mit spannenden und für viele Leser sicherlich teils neuen Informationen, die dazu beitragen, die heutige vermeintliche Flüchtlingskrise (der Aspekt der politischen Rhetorik zieht sich ebenfalls durch die verschiedenen Aufsätze) auch vor dem Hintergrund historischer Perspektiven zu betrachten.

Geschichte einer Institution – Geschichte von Menschen

Apropos Perspektiven. Natürlich geht es neben der Sicht der Deutschen auf die Flüchtlinge auch – im doppelten Sinne - um die Perspektiven der Migranten. Die Perspektive des Museums scheint in seinen Grundzügen klar. Fest steht, dass die Ausstellung aber auch die Forschungs- und Veranstaltungsaktivitäten erweitert und ausgebaut werden sollen. Aus dem ursprünglich geplanten Museum der vergangenen Geschichte eines stillgelegten Transitlagers ist eine Institution geworden, die das Flüchtlingslager Friedland auch in der Zukunft als Spiegel bundesdeutscher Flüchtlingspolitik dokumentarisch begleiten wird. Fluchtpunkt Friedland ist ein außerordentlich vielschichtiges Buch, das bei vielen Erinnerungen hervorruft, zum Nachdenken anregt und in jedem Fall Eindruck hinterlässt. Und es macht durchaus Lust auf einen Besuch im Museum, das übrigens eine vom Lager Friedland unabhängige Einrichtung ist.

Joachim Baur/ Lorraine Bluche: Fluchtpunkt Friedland. Über das Grenzdurchgangslager, 1945 bis heute. Wallstein, 2017. Hardcover, 232 Seiten.

Zur Homepage des Museums Friedland

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